Mit 14

Vierzehn war ich und das erste Mal verliebt, in einen Jungen aus meiner Klasse.
Nun heißt es oft über die erste Liebe, dass der Junge gar nicht wisse, dass man existiere.
Dieses Problem hatte ich nicht.
Er wusste, dass es mich gab, jeder aus der Klasse wusste es.
Ich wünschte es wäre anders gewesen. Ich wünschte ich wäre unsichtbar gewesen.

Stattdessen stand ich permanent im Mittelpunkt von Getuschel und Sticheleien, fand Karten mit Beleidigungen in meiner Federtasche, wurde ausgegrenzt, verspottet, und das Ganze so offen, dass wirklich niemand sagen konnte, er hätte davon nichts gewusst.
Dieser Junge beteiligte sich zwar nicht aktiv, zumindest bekam ich davon nichts mit, aber er nutzte weder seine Beliebtheit noch seine Position als Klassensprecher, um den anderen Einhalt zu gebieten.

Hormone sind eine eigenartige Sache.
Rein rational gab es keinen Grund, mich ausgerechnet in diesen Jungen zu verlieben. Was mich ansprach waren seine Intelligenz und sein souveränes Auftreten, den Rest muss ich wohl wirklich auf die Hormone schieben und die überschäumende Fantasie einer 14jährigen.

Ich möchte aber gar nicht über meine Klasse schreiben, nicht einmal explizit über Jugendliebe, ihr sollt nur verstehen, dass alle meine Gedanken um diesen Jungen kreisten, und Gefühle bahnen sich ihren Weg und wollen irgendwann heraus.
Da ich niemanden hatte, mit dem ich reden konnte, ging ich zu den Menschen, bei denen jedes Kind hofft, immer ein offenes Ohr zu finden.
Ich ging zu meinen Eltern.

Das ist 34 Jahre her, und ich weiß es noch wie heute, mein Vater saß auf dem Sofa, und ich öffnete ihm mein Herz.

Die Reaktion war ein Lachen, ein schlechter Scherz, er machte sich lustig über mich und merkte nicht einmal, wie sehr er mich verletzte.
Er nahm mich nicht ernst und hörte auch nicht damit auf, als ich verstummte und ging.
Damals schloss sich in mir eine Tür, die bis zu seinem Tod nicht mehr aufging.

Nie wieder habe ich zu Hause über Gefühle gesprochen, und ich wurde auch nie danach gefragt.
Es interessierte niemanden, ob ich traurig war oder einsam, was mir gefiel oder nicht, warum ich keine Freunde hatte und immer blass und still war.

Vor 34 Jahren zerbrach etwas in mir, das bis heute nicht gekittet werden konnte.
Das Vertrauen eines Kindes, dass die Eltern bei all ihrer Unperfektheit doch da wären, wenn sie wirklich gebraucht werden, es verschwand, und es kam nie wieder.
Und bis zu ihrem Tod gab es keine Situation, die die Wunde wieder schließen konnte.
Mir war sehr lange nicht bewusst, dass es dieser Moment war, der mir endgültig die Hoffnung nahm.

2 Gedanken zu „Mit 14

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